40

Der Mann trat aus dem Schatten und versperrte Amanda den Weg nach draußen. Er trug einen regennassen Trenchcoat. Amanda hob die Taschenlampe und wich zurück.

»Ich bin nicht hier, um Ihnen was zu tun«, sagte der Mann und zeigte ihr seine leeren Hände. »Ich bin Bobby Vasquez.«

Amanda brauchte einige Augenblick, bis sie den Eindringling wiedererkannte. Sein Gesicht war aufgedunsen. Regenwasser tropfte ihm aus den langen, ungekämmten schwarzen Haaren; ein buschiger Schnurrbart bedeckte die Oberlippe. Unter dem offenen Regenmantel sah Amanda ausgewaschene Jeans, ein Flanellhemd und ein fadenscheiniges Sportsakko.

»Ich wollte Ihnen keine Angst einjagen«, sagte Vasquez. »Ich habe schon im Justice Center versucht, mit Ihnen zu sprechen, aber bei all den Reportern bin ich nicht bis zu Ihnen durchgekommen.«

Vasquez hielt inne. Er sah, dass Amanda verängstigt und argwöhnisch war.

»Erinnern Sie sich an mich?«, fragte er.

»Der Antrag auf Nichtzulassung von Beweismitteln.«

»Nicht gerade meine Sternstunde«, sagte Vasquez mit einem grimmigen Grinsen. »Aber ich hatte Recht. Cardoni hat diese Leute in Milton County umgebracht. Und er hat auch die Leute hier umgebracht. Sie wissen es, nicht? Das ist der Grund, warum Sie hier sind.«

Amanda vergaß ihre Angst. »Wie kommen Sie darauf, dass er noch am Leben ist?«

»Sehen Sie sich hier um! Als ich von dem Gräberfeld und dem Operationsraum las, wusste ich Bescheid.«

»Was ist mit der Hand? Cardoni war Chirurg. Er würde sich nie selbst die Hand abschneiden.«

»Cardoni setzte darauf, dass jeder so denken würde, dass sich nämlich ein Chirurg niemals selbst die Hand amputieren würde. Aber Chirurgen werden normalerweise nicht von einem Verrückten wie Martin Breach gejagt.«

»Oder müssen mit der Todesstrafe rechnen.«

»Auch das. Außerdem ist dieser Kerl schlicht wahnsinnig.«

Amanda schüttelte den Kopf. »Ich würde gern glauben, dass Cardoni das hier getan hat. Die Tatorte sehen sich so ähnlich. Aber ich komme immer wieder auf die Hand zurück. Wie konnte er es überhaupt tun? Wie konnte er sich selbst die Hand abschneiden?«

»Das ist nicht so schwierig, wie Sie vielleicht denken. Cardoni musste sich nur eine Adernpresse um den Bizeps binden und sich ein lokales Anästhetikum in den Unterarm spritzen. Dann konnte er sich die Hand amputieren, ohne irgendwas zu spüren. Danach hat er wahrscheinlich den Stumpf mit einem sterilen Tuch abgedeckt, bis die Blutung aufhörte, ihn dann verbunden und sich noch einmal ein Betäubungsmittel gegen die Schmerzen gespritzt.«

Amanda überlegte, was Vasquez eben gesagt hatte, und traf dann eine Entscheidung.

»Okay, Mr. Vasquez, ich will ehrlich sein. Ich bin wegen Cardoni hier.«

»Ich wusste es. Also sagen Sie mir, was sonst noch in den Polizeiberichten steht. Sie sind doch nicht nur wegen eines unbestimmten Gefühls hier.«

Amanda zögerte.

»Hören Sie, Miss Jaffe, ich kann Ihnen helfen. Wer weiß mehr über Cardoni als ich? Ich habe nie geglaubt, dass er tot ist. Ich habe noch immer meine Akte über ihn. Ich kenne Cardonis Lebensgeschichte; ich kann Ihnen sagen, was die Polizei vor vier Jahren wusste. Sie brauchen einen Ermittler.«

»Unsere Kanzlei hat einen Ermittler.«

»Für den ist das doch nur irgendein Fall. Für mich wäre das eine Chance zur Rehabilitierung. Cardoni hat mein Leben ruiniert.«

»Sie haben sich Ihr Leben selbst ruiniert.«

Vasquez senkte den Kopf. »Sie haben Recht. Ich bin für das verantwortlich, was ich getan habe. Ich brauchte nur eine Weile, um das zu begreifen.« Er deutete auf den Operationstisch. »Ich bin auch für das verantwortlich. Wenn ich nicht Mist gebaute hätte, wäre Cardoni im Gefängnis und diese Leute wären noch am Leben. Ich muss das wieder gutmachen. Außerdem, wenn wir beweisen, dass Cardoni diese Leute umgebracht hat, kommt Ihre Mandantin frei.«

Vasquez klang verzweifelt, aber auch ernsthaft. Amanda sah sich ein letztes Mal im Operationsraum um.

»Ich will hier raus«, sagte sie. »Lassen Sie uns oben weiterreden!«

Amanda zog an der Schnur, die an der Glühbirne befestigt war, und tauchte den Operationsraum in Dunkelheit.

»Was können Sie mir sagen?«, fragte Vasquez, als sie die Treppe hochstiegen. »Gibt es noch andere Ähnlichkeiten zwischen den Tatorten?«

»Ich glaube nicht, dass ich mich darüber auslassen sollte.«

»Sie haben Recht. Tut mir Leid. Ich bin einfach neugierig. Sie haben ja keine Ahnung, wie ich mich gefühlt habe, als ich heute Morgen Dr. Castles Namen in der Zeitung sah und von dem Operationsraum las. Plötzlich hatte ich wieder Hoffnung, dass dieser Albtraum doch noch zu einem Ende kommen könnte.«

Amanda schaltete das Kellerlicht aus und schloss die Tür. »Hören Sie, Mr. Vasquez, lassen Sie uns ganz offen miteinander reden, okay? Ich habe nach Ihrer Entlassung Gerüchte gehört. Mein Vater kennt sie auch. Wenn ich meinen Vater bitte, Sie an diesem Fall für uns arbeiten zu lassen, wird er wissen wollen, ob Sie zuverlässig sind.«

Vasquez machte ein Gesicht, als hätte er diese Situation schon öfter erlebt.

»Was wollen Sie wissen?«, fragte er seufzend.

»Was haben Sie getan, nachdem Sie entlassen wurden?«

»Ich habe getrunken. Das wollen Sie doch wissen, oder? Polizist sein war mein ganzes Leben. Von einem Moment zum anderen war ich es nicht mehr. Ich hielt das nicht aus. Das waren eineinhalb Jahre, die in meiner Erinnerung noch immer sehr verschwommen sind. Aber ich bin darüber hinweggekommen und habe es ohne fremde Hilfe geschafft, mit dem Trinken aufzuhören. Jetzt trinke ich gar nicht mehr, nicht einmal mehr ein Bier. Sagen Sie Ihrem Vater, dass ich amtlich zugelassener Privatdetektiv bin. Damit verdiene ich jetzt meinen Lebensunterhalt. Ich mache das gut, und ob es Sie es glauben oder nicht, bei der Polizei gibt es immer noch ein paar Leute, die mit mir reden.«

»Wir werden sehen.«

»Wenn Sie sich überlegen, ob Sie mich engagieren wollen, denken Sie an eins: Ich habe gegenüber den Bullen einen Vorsprung.«

»Wie meinen Sie das?«

»Vor vier Jahren dachte ich mir, ich könnte Cardoni festnageln, indem ich ihn mit dem Haus in Milton County in Verbindung brachte. Sie wissen schon, den Kaufvertrag einsehen, beweisen, dass ihm das Haus wirklich gehört. Aber ich konnte es nicht. Er war sehr gerissen. Das Anwesen gehörte einer Gesellschaft, die von einem halbseidenen Anwalt gegründet wurde, und zwar im Auftrag von jemandem, den er nie zu Gesicht bekam und der ihn mit Bankschecks bezahlte. Die ganze Sache erwies sich als Sackgasse, weil wir die Person nicht identifizieren konnten, die die Schecks ausgestellt hatte. Aber immerhin weiß ich jetzt eine Menge. Als ich heute Morgen von dem Farmhaus las, sah ich mir sofort den Grundbucheintrag für dieses Anwesen an. Und was meinen Sie, was ich gefunden habe?«

»Der Besitz gehört einer Gesellschaft und wurde von einem Anwalt gekauft.«

»Genau. Der Verkauf ging vor zwei Jahren vonstatten, da hatte Cardoni genug Zeit gehabt, sich eine neue Identität zuzulegen und seine Rückkehr nach Portland vorzubereiten.«

»Ist der Eigentümer dieselbe Gesellschaft, die auch das Land in Milton County gekauft hat?«

»Nein. Und auch der Anwalt ist ein anderer. Aber die Vorgehensweise ist identisch.«

»Warum glauben Sie, dass Sie diesmal beweisen können, wer der eigentliche Käufer dieses Anwesens war?«

»Ich weiß nicht, ob ich es kann, aber Cardoni hat vor vier Jahren schon einmal Mist gebaut, und wir hätten ihn beinahe geschnappt. Ich hoffe, dass er noch einmal Mist baut.“

Amanda Jaffe 01 - Die Hand des Dr Cardoni
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